Bei schriftlichen Prüfungen ein individuelles Tempo erlauben und die erbrachte Leistung(!) mehr würdigen.

Präambel
Nach diesem Modell soll der schriftliche Leistungsnachweis an der Schule, an der Uni und in der Berufsausbildung unter stärkerer Einbeziehung der Formel „Leistung ist Arbeit geteilt durch Zeit“ erbracht werden. Die Aspekte der Gleichbehandlung aller Prüflinge und der Chancengleichheit (nämlich die reelle Chance aller Prüflinge darauf, die Aufgaben so umfassend wie möglich zu lösen) sollen besondere Geltung erlangen. Der Zeitfaktor wird stärker in die Bewertung einbezogen, zugleich wird ihm als absolut limitierendem Faktor die Schärfe genommen.

Das Modell kompakt
Bei gleichem Aufgabenumfang wird die bisher für eine Prüfung angesetzte maximal erlaubte Arbeitszeit zur Regelarbeitszeit“, die maximal erlaubte Arbeitszeit wird für alle Prüflinge deutlich und einheitlich verlängert. Es zählt zudem (auch) der Zeitpunkt, zu dem die Arbeit abgegeben wird, und zwar sowohl vor dem Ende der Regelarbeitszeit als auch danach. Eine frühere Abgabe führt zu einer besseren Benotung, eine spätere Abgabe zu einer Abwertung der Note. Bei Prüflingen mit Anspruch auf zeitlichen Nachteilsausgleich wird die Note nicht abgewertet, auch wenn die Abgabe nach der Regelarbeitszeit erfolgt.

Nähere Erläuterungen
Es soll bei schriftlichen Leistungsnachweisen (z.B. als Schulaufgabe oder Extemporale) nicht mehr zum Ende der bewusst knapp bemessenen Arbeitszeit heißen „Federhalter weg!“ und alle müssen ihre Arbeit abgeben, egal, wie weit sie gekommen sind. Es soll nicht mehr fest einkalkuliert sein, dass ein relevanter Teil der Prüflinge aus zeitlichen Gründen die Aufgaben nicht – so weit und so gut es den Prüflingen nach ihren individuellen Fähigkeiten eigentlich möglich wäre – lösen kann. Die regelmäßig zugestandene maximale Arbeitszeit wird so weit für alle verlängert, dass wesentlich mehr Prüflinge die Prüfung ihren Fähigkeiten gemäß abschließen können. Es wird zudem der Zeitpunkt erfasst, zu dem ein Prüfling seine Arbeit abgibt. Der hierfür festgesetzte Zeitrahmen beginnt deutlich vor und endet deutlich nach der Regelarbeitszeit (die der bisherigen Arbeitszeit entspricht). Wer zum Ende der Regelarbeitszeit seine Arbeit abgibt, hat den Zeitfaktor 100 Prozent erreicht. Wer schneller ist, erreicht einen höheren Zeitfaktor, wer länger braucht, einen niedrigeren. Der Zeitfaktor wird in die Bewertung eingerechnet: Das gleiche Ergebnis (in Punkten bzw. als Note) in kürzerer Zeit erbracht führt zu einer besseren Bewertung (Endnote) als in längerer Zeit erbracht. Bei Prüflingen mit Anspruch auf zeitlichen Nachteilsausgleich wird die Zeitzugabe nicht durch eine Abwertung ausgeglichen, somit bleibt eine gleichwertige Benotung bezogen auf die Leistung gewährleistet.

Eine verlängerte Bearbeitungszeit erleichtert es jedem Prüfling, die Aufgaben nach seinem Wissensstand und in seinem Tempo zu lösen – im besten Falle hat er so die Zeit, alle Aufgaben lösen. Somit wird ein Hauptziel der Prüfung (gerade bei eher leistungsschwachen Schüler:innen) noch besser erfüllt: Nachzuweisen, in welchem Maße der Prüfling den Unterrichtsstoff beherrscht. Die Berücksichtigung einer Abgabe vor Ende der Regelarbeitszeit ermöglicht es erstmalig, die sehr gute Leistung besonders leistungsstarker Schüler:innen zu erfassen und gebührend zu würdigen.

Die Arbeitszeit (und damit der Zeitrahmen, in dem der Abgabezeitpunkt erfasst wird) könnte sich erstrecken von 2/3 bis zum 1,5-Fachen der Regelarbeitszeit. Der Zeitpunkt der Abgabe könnte sich auf eine Benotung im Bereich von insgesamt einem Notenpunkt (je 0,5 Notenpunkte nach oben oder unten) auswirken. Ideal wäre wohl eine nicht lineare Verteilung der Abgabezeitpunkte mit zunehmenden Abständen.

Beispiel (siehe Grafik)

Vergleich „alt gegen neu“

Regelarbeitszeit und flexibler Abgabezeitpunkt nach meinem Modell („neu“)

Vorteile/Chancen:
– Der Umfang der Aufgaben bleibt unverändert, ausgerichtet auf die gewohnte Arbeitszeit.
 – Der Zeitfaktor wird berücksichtigt und damit die tatsächlich erbrachte Leistung(!) nach der Formel „Leistung ist Arbeit geteilt durch Zeit“ exakter bestimmbar.
– Der tatsächliche Kenntnisstand des Unterrichtsstoffs ist besser feststellbar, da die Prüflinge die reelle Chance haben, in längerer Zeit die Aufgaben (so weit sie können!) abzuschließen.

– Ein für alle geltender Prüfungsablauf vereinheitlicht die Zeit-, Raum- und Personalplanung.
– Probleme, die sich für Schüler:innen mit Anspruch auf zeitlichen Nachteilsausgleich oftmals ergeben (z.B. eine verkürzte Pause oder die Störung durch im Prüfungsraum weitergeführten Unterricht und/oder das Verpassen von nachfolgendem Unterricht) werden vermieden.

– Die Prüflinge entscheiden in einem gewissen Rahmen selbst, wann sie „fertig“ sind, können
somit bewusst Einfluss auf den Zeitfaktor und damit auf die Benotung nehmen.
– Stressreduktion bei den Prüflingen durch verringerten Zeitdruck. (Vermutung)
– Die Prüflinge übernehmen durch den größeren Einfluss auf die Benotung mehr Eigenverantwortung und erleben mehr Selbstwirksamkeit. (Vermutung)
– Die Prüflinge lernen ihr Lern- und Prüfungsverhalten zu beobachten und zu steuern. (Vermutung)
– Die Prüflinge erfahren eine stärkere Würdigung ihrer (selbst) erbrachten Leistung. (Vermutung)
– Die Prüflingen werden durch eher erzielbare Erfolgserlebnisse motiviert, was wiederum den Lernerfolg steigern kann. (Vermutung)
– Gleichbehandlung in Bezug auf die Zeit verhindert Stigmatisierung einer bereits benachteiligten Gruppe (mit Anspruch auf Nachteilsausgleich) und fördert das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Solidarität unter den Schüler:innen. (Vermutung)

Nachteile/Herausforderungen:
– Das Modell erfordert eine Neuausrichtung der Zeit-, Raum- und Personalplanung bei einem möglicherweise starren Stundenplan und evtl. ungeeigneten räumlichen Gegebenheiten.
 – Es ergibt sich ein Mehraufwand bei der Aufsicht während der Prüfung wegen längerer bzw. unterschiedlicher Arbeitszeit und zusätzlicher Erfassung des Abgabezeitpunktes.
– Die Benotung ist aufwändiger durch die notwendige Einberechnung des Zeitfaktors.
Die Abhängigkeit der Endnote von der individuellen Bearbeitungszeit kann bei den Prüflingen falsche Anreize schaffen oder zusätzlichen Zeitdruck bzw. Prüfungsstress verursachen. (Vermutung)
– Der verlängerte zeitliche Spielraum kann zu einer geringeren Leistungsbereitschaft bzw. Konzentration, evtl. gar zu einer Nachlässigkeit während der Prüfung führen. (Vermutung)
– Schüler:innen mit Anspruch auf zeitlichen Nachteilsausgleich und deren Eltern haben die Neujustierung des zeitlichen Nachteilsausgleichs zu akzeptieren. (Vermutung)
– Die Mitwirkung einer engagierten Lehrerschaft ist erforderlich. (Vermutung)

Feste Arbeitszeit („alt“)

Herkömmliche schriftliche Prüfungen haben i.d.R. eine festgelegte Arbeitszeit, in der der Leistungsnachweis längstens zu erbringen ist. Dabei ist einkalkuliert, dass eine relevante Zahl der Prüflinge nicht fertig wird. Es wird weder berücksichtigt, ob der Prüfling möglicherweise mit etwas mehr Zeit die Aufgabe besser oder sogar vollständig hätte lösen können, noch, wenn er vor dem Ende der Bearbeitungszeit abgibt. Bei der Bewertung der Arbeit bleibt also weitestgehend unberücksichtigt, in welcher Zeit die Aufgaben erledigt wurden – und damit, welche Leistung erbracht wurde. Für die relativ kleine Zahl von Prüflingen mit Anrecht auf zeitlichen Nachteilsausgleich sind besondere Maßnahmen zu ergreifen.

Vorteile/Chancen:
– Einfaches, leicht verständliches und lange eingeführtes Modell.
 – Sehr gute Plan- und leichte Durchführbarkeit der Prüfung durch festes Zeitschema.
– Leichte Bewertung durch inhaltlich und zeitlich einheitliches Format der Prüfung.

Nachteile/Herausforderungen:
– Nur die exakt zum Ende der festen Arbeitszeit erbrachte Leistung wird bewertet, dadurch ist die Feststellung des insgesamt erfassten Unterrichtsstoffs nur eingeschränkt möglich.
 – Keine Anerkennung einer höheren Leistung, wenn Arbeit in kürzerer Zeit erbracht wurde.
– Keine Chance für Prüflinge mit evtl. nur etwas mehr Zeit ein deutlich besseres Ergebnis zu erzielen und dadurch ein Erfolgserlebnis zu bekommen.
– Risiko der dauerhaften Demotivation der Schüler:innen/Studierenden/Auszubildenden wegen ausbleibender (theoretisch möglicher) Erfolgserlebnisse und nicht übereinstimmender Einschätzung von eigenem Können und Noten. (Vermutung)
– Einzelnen Prüflingen den ihnen zustehenden zeitlichen Nachteilsausgleich optimal zu gewähren gelingt wegen der auf die große Mehrheit ausgerichteten Zeit-, Raum- und Personalplanung oftmals nicht.

———– ENDE DER MODELLBESCHREIBUNG ———–

Nachfolgend der Begleittext zu meinem Modell mit hin- bzw. weiterführenden Gedanken

Als Einstieg ein paar Sätze zu den zwei wesentlichen Überzeugungen, die in meinem Modell zum Ausdruck kommen (sollen):

1. Wandlung
Ich glaube ganz fest an die „versteckten Möglichkeiten“ in bestehenden, im Großen und Ganzen gut funktionierenden Systemen, die, wenn man sie nutzt, zu weitreichenden Verbesserungen und sonstigen gewünschten Effekten führen können. Und daran, dass bei nur geringen Eingriffen in bestehende Systeme ungewollte negative Effekte überschaubar bleiben, welche noch dazu durch relativ leicht machbare Nachjustierungen weiter reduziert werden können.

2. Zeit
Der Faktor Zeit sollte generell eine ihm angemessene Bedeutung erlangen. Wir Menschen unter-werfen uns meiner Meinung nach in viel zu vielen Lebensbereichen dem Diktat der Zeit. Für bestimmte geregelte Abläufe (wie Fahrpläne und Kuchenbacken) braucht es sicherlich ein hohes Maß an „Zeitbewusstsein“. Je weniger zeitkritisch eine Situation ist, desto weniger jedoch sollte Zeit eine Rolle spielen. Und wir Menschen haben es in der Hand, der Zeit die Bedeutung in unserem Leben zu geben, die wir ihr geben wollen – davon sollten wir achtsam Gebrauch machen. Ich plädiere daher für einen bewussteren, entspannteren Umgang mit Zeit. Eine Prüfungssituation, bei der es nicht explizit um den Wettlauf gegen die Zeit geht (wie z.B. bei einem 100m-Lauf), wäre für mich ein Beispiel dafür.

Warum also dieses Modell?
Wenn man Noten als eine essentielle Grundlage für die Auswahl und Bewertung an der Schule, der Universität und in der Berufsausbildung akzeptiert und bereit ist, Individuen in der Gesellschaft mit und nach Noten zu bewerten, dann sollte man alles Menschenmögliche dafür tun, um diese Bewertung so human und fair wie möglich zu gestalten. Und da spielt eine Situation, in der eine wesentliche Grundlage für die Benotung geschaffen wird, eine entscheidende Rolle: Die Prüfung.

Mit den im Grunde geringsten Änderungen in der Prüfungsroutine nach meinem Modell ließe sich meiner Meinung nach eine große Wirkung erzielen, insbesondere im Hinblick darauf, dass Schüler:innen ihr Leistungspotential besser entfalten können, dass langfristig ihre Zufriedenheit steigt und ihre seelische Gesundheit gefördert wird. Und sich „nebenbei“ ihre Positionierung in der Gesellschaft in einer Form, die dem einzelnen Menschen viel eher gerecht wird, ergibt. Womit letztlich der Gesellschaft insgesamt gedient wäre.

Bei meinem Modell geht es mir darum, den Menschen in einer für ihn potenziell belastenden Situation (nämlich einer Schulprüfung, in der er mehr oder weniger unfreiwillig sitzt) so schonend, wertschätzend und sogar unterstützend wie möglich zu behandeln. Dabei wird der Faktor Zeit als zu bewertender Faktor mehr in den Fokus gerückt, zugleich jedoch als absolut limitierender Faktor „entschärft“. Meine Hoffnung ist, dass alleine schon dadurch die Prüflinge mit einer größeren Bereitschaft, sich prüfen zu lassen, in die Prüfungen gehen, womöglich sogar mit einer größeren Zuversicht und dass sie dadurch bessere (oder ihnen mehr entsprechende, was auch besser ist) Leistungen abrufen können.

Das Modell und der Nachteilsausgleich
Der Nachteilsausgleich in Form von Zeitzuschlägen bei schriftlichen Arbeiten ist in sämtlichen Bundesländern vorgesehen als eine der Erleichterungen, die es Schüler:innen mit Einschränkungen im Lernen und in der Leistungserbringung ermöglichen sollen, die vorgegebenen schulischen Leistungsanforderungen erfüllen und Lernleistungen nachweisen zu können. Viele Schüler:innen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche profitieren bereits heute bei schriftlichen Prüfungen von einer verlängerten Arbeitszeit. In einigen Bundesländern (wie Hamburg, Bayern und dem Saarland) ist geregelt, dass die Arbeitszeit um bis zur Hälfte der regulären Arbeitszeit verlängert werden kann. Ein wesentliches Element meines Modells wird also in Deutschland bereits exakt wie hier entworfen für einen Teil der Schüler:innen angewendet und ist somit gängiger Teil des Prüfungsalltags.

In der Praxis wird jedoch leider oftmals nicht ausreichend Rücksicht auf die besondere Situation der länger an ihren Arbeiten sitzenden Prüflinge genommen, so dass sich der Nachteilsausgleich im Grunde in einen (neuen) Nachteil verkehrt. Es fehlt an Schulen oftmals am Bewusstsein und/oder an Personal- und Raumressourcen, um den zeitlichen Nachteilsausgleich für die relativ geringe Zahl an Prüflingen sinnvoll auszugestalten. Wenn die verlängerte Arbeitszeit nach meinem Modell dagegen für alle gilt, dann ist das Zeit-, Raum- und Personalsystem insgesamt danach auszurichten, dann kommt keine Schulleitung mehr darum herum. Mit der Verlängerung der Arbeitszeit für alle in Verbindung mit der Feststellung des Abgabezeitpunktes geht also eine Vereinheitlichung der Strukturen einher – was (auch wenn es die Sache auf den ersten Blick verkomplizieren mag) die Prüfungsroutine letztlich vereinfacht und für alle Prüflinge fairer macht.

Ausblick
Über die exakte Ausgestaltung der Zeitskala und der Notenanrechnung lässt sich sicherlich noch trefflich fachsimpeln. Bei der Festlegung der Arbeitszeit und der Verteilung der Abgabezeitpunkte schweben mir feste, angemessene Relationen zur Regelarbeitszeit vor, so dass sich aus dieser die Arbeitszeiten und Abgabezeitpunkte für jede beliebige Regelarbeitszeit errechnen lassen.

Es wird auf einen plausiblen Ausgleich von Zeit, erbrachter bzw. zu bewertender Leistung und zu berechnender Endnote ankommen. Sollte das Modell weiterentwickelt werden, sähe ich es als Aufgabe von Mathematiker:innen und anderen Expert:innen an, einen Schlüssel zur Berechnung zu finden, der zu befriedigenden Ergebnissen führt und sich auf alle Prüfungen anwenden lässt.

Über David Althammer

Jahrgang 1968 Abitur 1988 Zivildienst 1989-1990

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