Open Book Klausur am Beispiel des „Wohlstand für“ Alle Podcast

„Meine Meinung zu der Open Book Klausur ist einerseits positiv und andererseits negativ. Es war cool mal was neues auszuprobieren und ein wenig Abwechslung zu haben. Das Recherchieren im Internet ist effizienter und es gibt mehrere Quellen, die man vergleichen kann. Da kommt jedoch der negative Part der Open Book Klausur zum Vorschein. Im Internet ist nicht alles zuverlässig und seriös.
Das kann zu falschen Informationen führen und Punkte in der Klausur kosten.“

Rückmeldung einer Schülerin

Wozu das Ganze? Didaktische Zielsetzung

Ich heiße Marcel, bin derzeit Lehrkraft im Vorbereitungsdienst und noch ganz am Anfang meiner Berufsbiographie. Ich höre selber sehr gerne Podcasts und kann mir darüber sehr gut Zusammenhänge erschließen, bzw. die Podcasts als Ausgangspunkt für die weitere Recherche nehmen.
Die Ziele meines erarbeiteten Prüfungsformats sind insbesondere zwei Hauptaspekte:
(1) Wenn eine Klausurersatzleistung curricular nicht möglich ist, möchte ich gerne nach Möglichkeiten suchen, das Format Klausur so gewinnbringend wie möglich zu gestalten. Also so, dass irgendetwas daran auch Kompetenzen ausbildet, die man außerhalb des Formats „schulische Prüfung“ auch braucht. Die Open Book Klausur erschien mir da als eine Möglichkeit dafür.
(2) Ich möchte, die Schüler:innen „ins kalte Wasser“ stoßen, bzw. über die extrinsische Motivation einer Prüfung an das Format Podcast heranzühren und sie dadurch für diese Art des Zugangs des Wissenszuwachses zu begeistern, welcher ja ein rein frontaler ist.

Didaktische Begründung & Herleitung

Urteilsbildung ist die zentrale Kompetenz im Politikunterricht (& im Leben?). Der Weg zu einem (fundierten) Urteil ist jedoch weit, dafür braucht es Raum und Zeit, um sich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen, die Gedanken zu dem Thema zu sortieren und eine Argumentationsstruktur zu entwickeln. Idealerweise gibt es noch eine dezidierte (Gegen-)Postion, zu der man Stellung beziehung und sich ggf. reiben kann.
Genau das sehe ich in dem Podcast Wohlstand für alle von Ole Nymoen und Wolfgang M Schmitt gegeben. Die beiden beschäftigen sich in ihrem Podcast mit dem Überthema Wirtschaft und gehen in 20-30 minütigen Gesprächen auf viele aktuelle Themen ein, besprechen aber auch historische Zusammenhänge und theoretische Untermauerungen der wirtschaftlichen Theorien. Dabei beziehen Position, die sich oft eher gegen das Positionieren, was in der deutschen Mainstream VWL vermittelt wird und belegen ihre Folgen stets mit Literaturverzeichnissen.
Dies erschien mir super geeignet für die Rahmenbedingungen:
Ich arbeite an einem G 8 Gymnasium, hatte in meiner Einführungsphase in die Oberstufe (11. Klasse also) 24 Schüler:innen und habe die Klausur im Themenfeld: Wachstum und Lebensqualität in marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften , genauer in der Themenreihe Ökologie und Ökonomie, durchgeführt.
Ich habe den Kurs 2h/ Woche unterricht und den Kurs ab Februar übernommen, da Corona, bis Mitte April nur im Distanzunterricht und anschließend im Wechselunterricht. Bis zur Klausur kamen dann alle in Vollpräsenz und durch die Rückkehr aller Klassen Mit Rückkehr à 90 Minuten Klausur statt Klausurersatzleistung (Wie diese gut gestaltet werden könnte, am Ende mehr).

Hier nun aber erst einmal die Vorbereitung, die die Schüler:innen 2 Wochen vor der Klausur erhalten haben:

Die Durchführung der Klausur


Um die Genehmigung meiner Fachbereichsleitung zu bekommen, war es wichtig, dass alle Anforderungsbereiche abgedeckt wurden. Die Schüler:innen haben die Aufgaben erst zu Beginn der Klausur bekommen und hatten 90 Minuten Zeit, diese zu bearbeiten. Alles war erlaubt, Internet, Podcast nochmals hören und mitgebrachte Notizen.
Dadurch war es auch möglich, einen Schüler mitschreiben zu lassen, der in Quarantäne war (Kamera war dabei an, so dass klar war, dass er gerade schreibt…)

Der Blick zurück – wie war es?

Insbesondere die Komplexität und Themenvielfalt des Podcasts wäre niemals in 90 Minuten bewältigbar. Weder gäbe es eine geeignete Textgrundlage, die das alles so darstellt, noch wäre die in der Kürze der Zeit erfassbar. Und doch übersteigt der Podcast das Niveau der Lernenden nicht, wie die Auswertung der Klausur mir gezeigt hatte. Mein Rückmeldebogen sag wie folgt aus:

Das Eingangszitat, welches ich von einer Schülerin nach der Klausur eingesammelt hatte, bekräftigt mich dahingehend, dass Internetrecherche noch mehr Teil meines Politikunterrichts werden muss. Aber ein Lernziel der Klausur ist mit dieser Erkenntnis durchaus erreicht.

Derzeit ist unklar, ob ich die Klausur (oder so ähnlich) wiederholen darf, da sie laut Oberstufenleitung nicht aufs Abitur vorbereite. Zum Glück ist aber dieses neue Dokument der KMK veröffentlich worden, was mich positiv stimmt, in Zukunft noch mehr Argumente auf meiner Seite zu haben.

… in einer idealen Welt ….

Ursprünglich wollte ich dazu gerne eine Klausurersatzleistung gestalten, in der neben der Stellungnahme auch eine Feedbackschleife der Schüler:innen untereinander stattfindet, die dann auch die Bewertung miteingehen. Dann kam aber der Beschluss, dass diese Gruppen wieder in Wechselunterricht, respektive Vollpräsenz gehen und ich war verpflichtet eine „normale“ Klausur zu schreiben. Da ich meine Grundidee aber gut finde, wollte ich sie zum Abschluss gerne noch mit euch teilen:

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