Open-Media-Klausur zur Bildanalyse – Einbettung in den Lernkontext

Bar- und Restaurantdarstellungen als Spiegel gesellschaftlicher Wirklichkeit im historischen Wandel

Das vorliegende Klausurbeispiel ist eingebunden in eine Unterrichtsreihe der Einführungsphase (GK, NRW), die sich mit Darstellungen und dem multimodalen Design von Bar- und Restauranträumen als Spiegel der Gesellschaft im historischen Wandel beschäftigt hat. Für die gesamte Einheit legten die Schüler:innen ein digitales Entwicklungsportfolio an, das einerseits eine praktisch-rezeptive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Beispielen der Kunst- und Kulturgeschichte vorsah, ausgehend von einem pompejischen mit hyperrealistischen Fresken dekorierten Thermopolium, das Ende 2020 ausgegraben wurde bis hin zu sezierenden Sozialstudien der Boheme im ausgehenden 19. Jahrhundert in Paris durch Künstler wie Manet, Degas oder Toulouse-Lautrec. Andererseits modellierten die Schüler:innen nach Recherchen zur Zukunft des Essens unter der Bedingung knapper werdender Ressourcen eigene Visionen für Bar- und Restaurantdesigns im Jahr 2050. Zum Abschluss der Einheit sollten zudem historische und selbst gestaltete Darstellungen in einer virtuellen Ausstellung als begründete Zusammenschau kuratiert werden.

Aufgabenstellung – Leerräume im Lockdown

Genau diese übergreifende Anforderung markierte den Rahmen für die Klausuraufgabe, in welcher die Schüler:innen für den finalen Präsentationskontext bereits ein Bildensemble zusammenstellen sollten. Als Referenzbild zum „vergleichenden Sehen“ (vgl. Kirschenmann 2018) diente Manets Gemälde „Bar in den Folies-Bergère“ (1882), mit dem sich die Schüler:innen multiperspektivisch in den Stunden zuvor sowohl zeichnerisch, der Raumsituation in einem imaginierten Floor-Plan annähernd, als auch medial-rezeptiv über eine illusionistisch dreidimensionale VR-Rekonstruktion des Bildszenarios (vgl. ARTE 2019) auseinandergesetzt hatten. Die erarbeiteten und im Plenum gemeinschaftlich validierten Ergebnisse der Werkbegegnung standen den Schüler:innen während ihrer Open-Media-Klausur als Hilfsmittel und Grundlage zur Bewältigung der Aufgabe zur Verfügung.

In Beziehung zu setzen galt es das Kunstwerk dabei mit Fotografien der Gegenwart, die die pandemiebedingte Lockdownsituation aus der Sicht von Barbesitzer:innen reflektierten. Die Schüler:innen konnten sich imaginativ – auch bedingt durch die eigenen entbehrungsreichen Lockdownerfahrungen – in die dargestellte Situation einfühlen und eindenken. Zugleich erlaubte es das bereitgestellte Material – eine Bilderstrecke mit Fotos des Fotografen Sebastian Semmer, flankiert durch einen Beitrag im SZ-Magazin – eine individuelle Motivwahl und damit auch einen je eigenen Untersuchungsfokus vorzunehmen. Die Beteiligung der Schüler:innen bei der thematischen Schwerpunktsetzung der Prüfungsaufgabe sollte die subjektive Involviertheit erhöhen und die Möglichkeit eröffnen, dass die Schüler:innen an ihren im Lernprozess bereits angelegten „persönlichen Handlungsproblematiken“ (Arnold/ Schön 2019) arbeiten konnten. Im Unterricht eingeführte und eingeübte Untersuchungsaspekte und entsprechende methodische Prozeduren wie analysierende Skizzen und fachsprachliche Beschreibungsinventare galt es dabei auf neue Bildsujets und Bedeutungszusammenhänge zu transferieren.

Aufgabenstellung als PDF

Für die Bearbeitung der über das schulische Lernmanagementsystem bereitgestellten und abzugebenen Open Media Klausur stand den Schüler:innen ein Zeitfenster von einer Woche zur Verfügung. Durch die Einbindung der Klausur in das Entwicklungsportfolio konnte die eigene Sujetwahl, aber auch die Beurteilung der Arbeit im Nachgang zudem direkt zur Lernsteuerung genutzt werden. Rückmeldungen zu dem methodischen Aufbau und der Struktur der angefertigten Bildanalyse konnten bei der schriftlichen Reflexion eigener Bildgestaltungen als Förderimpulse direkt aufgenommen und verarbeitet werden.

Abb. 3: analysierende Skizzen einer Schülerin zu der Fotografie von S. Semmer (vgl. Abb. 2)

Bewertung als hermeneutischer Prozess

Die Konstruktion des Beurteilungsrasters für die oben ausgebreitete Beispielklausur enthält Merkmalsklassen/ Kategorien, die über einen längeren Zeitraum sukzessiv mit den Schüler:innen erarbeitet und anhand von Teilübungen, etwa zur Anfertigung aussagekräftiger Analyseskizzen, auch in ihrer Bedeutung für den Verstehensprozess reflektiert wurden. Der Aufbau folgt dabei einer doppelten „Progressionslogik“ (Winter 2015, S. 136): vertikal in der Hinsicht, als dass sich der Anforderungsgrad der aufgeführten Merkmalsklassen/ Indikatoren nach unten hin erhöht. Horizontal werden pro Indikator sodann verschiedene Stufen bzw. Erfüllungsgrade aufgeführt. So bemisst sich etwa die Güte der Bildbeschreibung am Grad der systematischen Vernetzung der sprachlich erfassten Bildgegenstände und auf der höchsten Stufe, die eine besondere Stärke der Arbeit anzeigt, zusätzlich noch an der erkennbar begründeten Fokussierung der Beschreibung, die von identifizierbaren motivischen Bildzentren aus organisiert ist.

Bewertungsraster als PDF

Um nun nicht Gefahr zu laufen, das Bewertungsraster als Verrechnungsschema addierbarer und sich wechselseitig kompensierbarer Teilleistungen zu missbrauchen, empfiehlt sich ein hermeneutisches Vorgehen, wie es Werner Sacher vorschlägt (vgl. Abb. 4). Dieser rät zu einem mehrstufigen Prozess der Annäherung, der jeweils ausgeht von einem Gesamteindruck, um die „übersummative“ Qualität der ganzen Arbeit zu erfassen (vgl. Sacher 2014, S. 152). Dies setzt nach Felix Winter eine offene Aufmerksamkeit voraus, um der jeweiligen Eigenlogik bzw. dem Konzept der Schüler:innenarbeit gerecht zu werden (vgl. Winter 2015, S. 194). Erst danach soll dieser Eindruck mit den Kategorien des Beurteilungsrasters abgeglichen werden. Dabei können dann auch zusätzliche zuvor nicht antizipierte Qualitätskriterien in den Blick geraten, weshalb wie in dem Beispiel auch offene Kategorien vorzuhalten sind. Dies führt dann abschließend zu einem differenzierten Gesamteindruck, der zwar kriterial grundiert ist, jedoch die individuelle Spezifik von Leistungen, die sich gerade im Fach Kunst zeigen, berücksichtigt.

Abb. 4: Beurteilung ganzheitlicher Leistungen. Grafik aus: Sacher 2014, S. 152.

Literatur:

  • Arnold, Rolf/ Schön, Michael: Ermöglichungsdidaktik. Bern 2019.
  • Sacher, Werner: Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. 6. erw. Aufl. Bad Heilbronn 2014.
  • Winter, Felix: Lerndialog statt Noten. Neue Formen der Leistungsbeurteilung. Weinheim 2015.

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