Eine mündliche Kommunikationsprüfung zusammen mit Muttersprachler:innen im Sprachendorf absolvieren

Vorgaben in NRW

In NRW ist es möglich, in der Sekundarstufe I einmal im Schuljahr eine Klassenarbeit durch eine mündliche Kommunikationsprüfung zu ersetzen (vgl. APO-SI, §6, Abs. 8), in der Qualifikationsstufe ist es obligatorisch (vgl. APO-GOSt, §14, Abs. 1). An meiner Schule, dem St.-Ursula-Gymnasium in Düsseldorf, bieten wir Spanisch in der Jahrgangsstufe 8 und in der EF als neueinsetzende Fremdsprache an. Mündliche Kommunikationsprüfungen führen wir in der Sekundarstufe I und in der EF in jedem Jahrgang durch. Sowohl im Kernlehrplan der Sekundarstufe I als auch in dem der Sekundarstufe II wird der Förderung der Sprechkompetenz besondere Bedeutung beigemessen. Als Teilkompetenz der funktionalen kommunikativen Kompetenz wird sie aufgegliedert in das monologische und dialogische Sprechen. Beide Fertigkeiten finden Eingang in die mündlichen Kommunikationsprüfungen, die als Gruppenprüfungen aus einem monologischen Teil und einem dia- oder multilogischen Teil bestehen. 

Das Sprachendorf 

Das Sprachendorf ist altbekannt und wird häufig im Fremdsprachenunterricht angeboten. Der Klassenraum wird dabei in ein fremdsprachliches “Dorf“ verwandelt, in dem die Schüler:innen an verschiedenen Stationen mit Muttersprachler:innen ins Gespräch kommen. Dies bietet sich besonders für kommunikative Grundsituationen im ersten Lernjahr an.

Das Sprachendorf als mündliche Kommunikationsprüfung

Eine mündliche Prüfung in Form eines Sprachendorfs haben wir 2014 zum ersten Mal an meiner Schule durchgeführt. Die Idee stammte von einer Referendarin meines damaligen Referendar:innenjahrgangs im ZfsL Mönchengladbach. Im Fachseminar haben wir gemeinsam nachgedacht, Materialien erstellt und die Prüfung in jenem Jahr an drei verschiedenen Schulen (zwei Gymnasien, eine Gesamtschule) durchgeführt. Seitdem gibt es dieses Format am St.-Ursula-Gymnasium jährlich in der Jahrgangsstufe 8 und in der EF Spanisch neueinsetzend. 

Organisation

In der Regel werden zwei bis drei Kurse an aufeinanderfolgenden Tagen geprüft. Im Vorfeld legen die Kurslehrer:innen die Stationen des Sprachendorfs gemeinsam fest, nachdem sie ihre Schüler:innen nach ihren Wünschen befragt haben. So gab es im Lauf der Jahre verschiedene Stationen, so z.B. auf dem Markt, im Bekleidungsgeschäft, im Restaurant oder im Hotel. Die Anzahl der Stationen ist abhängig von der jeweiligen Kursgröße und der Anzahl an Kolleg:innen, die als Prüfer:innen zur Verfügung stehen. Ich bin in der glücklichen Situation, meine Referendar:innen als Prüfer:innen teilhaben lassen zu können, sodass unser Sprachendorf drei Stationen umfassen kann. An jeder Station befinden sich zwei Kolleg:innen, die die Prüflinge  beobachten und bewerten. Dies ist der Idealfall, bindet aber sehr viel Personal. Möglich wäre es auch, weniger Stationen aufzubauen oder an jede Station nur eine(n) Prüfer:in zu setzen. Die Muttersprachler:innen sind entweder Freunde oder Freundinnen der Kolleg:innen, oft bieten auch spanischsprachige Mütter (wir warten noch auf Väter) an, am Sprachendorf teilzunehmen.

Die Schüler:innen und ihre Eltern werden sehr frühzeitig über das Sprachendorf informiert, das wir nachmittags durchführen. Dies hat vornehmlich praktische Gründe: Die Wahrscheinlichkeit für diesen Zeitraum Muttersprachler:innen zu finden, ist deutlich höher.

Der Prüfungstag 

Am Vortag der mündlichen Prüfungen bauen wir das Sprachendorf auf, d.h. wir versuchen mit Requisiten eine authentische Situation für die Lernenden zu simulieren. So schleppe ich z.B. einmal im Jahr einen großen Teil meines Kleiderschrankinhaltes (und des meines Mannes) in die Schule, um ein Modegeschäft aufzubauen, ebenso Geschirr, Besteck und Gläser für’s Restaurant oder eine Glocke für die Hotelrezeption. Plakate haben wir vor einigen Jahren von Schüler:innen entwerfen lassen und nutzen sie immer noch. 

Wir buchen für unsere Prüfungen zwei nebeneinanderliegende Räume, einen Vorbereitungsraum und einen Prüfungsraum. Wichtig ist es uns an diesem Tag, dass eine entspannte Prüfungsatmosphäre herrscht, in der sich alle wohlfühlen. Der Vorbereitungsraum hat dabei zwei Funktionen: Zum einen können die Schüler:innen ihn zu jedem Zeitpunkt an diesem Nachmittag nutzen, um noch einmal ihre Unterlagen durchzugehen oder sich mit Mitschüler:innen auszutauschen. Zum anderen befindet sich dort eine Vorbereitungsstation, an der die Schüler:innengruppen zehn Minuten vor Beginn mit einer Lehrkraft und miteinander in der Zielsprache ins Gespräch kommen. Thematisch bindet diese Station nicht an die Prüfungsinhalte an, als mögliche Sprechanlässe liegen Zeitschriften und Bilder aus.

In einem Sprachendorf mit drei Stationen werden drei Schüler:innen gleichzeitig geprüft. Die Station, mit der die jeweilige Schüler:in beginnt, wird von der Lehrkraft zugeteilt, die die Schüler:innen vom Vorbereitungsraum in den Prüfungsraum begleitet. Die Prüfer:innen nehmen während der Prüfung eine rein beobachtende Rolle ein und sitzen im Hintergrund. Den Arbeitsauftrag erhalten die Schüler:innen in Form laminierter Karten von der Muttersprachler:in, die sich an der jeweiligen Station befindet. Jede Schüler:in muss an der ersten Station zunächst den monologischen Teil absolvieren, in den die Muttersprachler:innen noch nicht involviert sind. Dieser wird passend zur Station gewählt und besteht oft aus einem Bildimpuls. So können die Lernenden an der Hotelstation z.B. ein Bild mit zwei unterschiedlichen Reisezielen und Unterkünften beschreiben und begründet darlegen, welches sie präferieren. Auf den monologischen Teil folgt der dialogische Teil – das Gespräch mit den Muttersprachler:innen (z.B. Kleidung anprobieren, ein Hotelzimmer telefonisch reservieren, sich im Hotel beschweren, etc.). Jeder Lernende führt ein Gespräch an der ersten Station und wechselt dann zur zweiten. Insgesamt gibt es also einen monologischen Teil (Station eins) und zwei verschiedene Dialoge (Station eins + zwei). Manchmal ist es so, dass der Wechsel von einer zur anderen Station nicht sofort möglich ist, dies empfanden die Schüler:innen bis jetzt aber nicht als störend. 

Die Bewertung

Bewertungskriterien werden im Vorfeld zusammen mit den Schüler:innen besprochen und z.T. auch gemeinsam erarbeitet, angelehnt sind sie immer an den beispielhaften Erwartungshorizont, der auf der Internetseite der Standardsicherung des Schulministeriums NRW zu finden ist. Während der Prüfung bewerten beide Prüfer:innen die Leistungen des Prüflings, im Anschluss an den gesamten Prüfungstag mittelt die unterrichtende Lehrkraft diese Punkte. Dies ist aus zwei Gründen sinnvoll: Einerseits spart es Zeit, andererseits verhindert es, dass die wortstärkere Lehrkraft sich mit ihrer Benotung durchsetzt. 

Ein Wort zum Aufwand und Fazit

Ein großes Sprachendorf bedarf vieler Kollegen – idealerweise sind es acht: Sechs Kolleg:innen an drei Stationen, eine Kolleg:in an der Vorbereitungsstation und eine Kolleg:in, die die Schüler:innen in den Prüfungsraum führt, sie mit Aufgaben versorgt und auf die Einhaltung der Zeit achtet. Es werden viele Requisiten benötigt, es müssen Aufgabenstellungen gedruckt und laminiert werden, Räume wollen gebucht, die Schulleitung und die Eltern informiert werden und nicht zuletzt müssen muttersprachliche Dialogpartner für das Sprachendorf gewonnen werden.  

Vor allem im ersten Jahr ist der Aufwand recht hoch, aber er lohnt sich! Das Sprachendorf wird von unseren Schüler:innen als eine spannende Möglichkeit angesehen, ihre Sprachkenntnisse auszuprobieren. In der Evaluation heben sie insbesondere hervor, dass die Prüfungssituation nach anfänglicher Nervosität kaum als solche empfunden wurde und gezeigt hat, wie gut sie schon mit dem Spanischen zurechtkommen. Dazu braucht es entspannte Prüfer:innen, Kolleg:innen, die beruhigende Worte spenden und offene, kommunikative Muttersprachler:innen. So kann eine authentische Atmosphäre entstehen: Es ist ein wenig laut, es ist ein wenig wuselig, es gibt viel zu sehen, viel zu besprechen, es wird viel gelacht und es macht riesigen Spaß. 

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